Duitse vertaling

Auteur: Eric Krebbers


Der folgende Artikel des Niederländers Eric Krebblers, Mitglied der Gruppe "De Fabel van de illegaal" ("Der Mythos der Illegalität"), beschäftigt sich mit rechtsradikalen Einflüssen auf linke Kampagnen. "De Fabel van de illegal" war eine Zeit lang federführend in der niederländischen Kampagne gegen das "Multilateral Agreement on Investements" (MAI) beteiligt, bis die Gruppe nach eigener Aussage bemerkte, dass es unmöglich war, diese Kampagne (eigentlich eine linke Angelegenheit) tatsächlich mit linken Inhalten zu füllen. Der Grund dafür ist nach Ansicht der Gruppe eine ideologische Unschärfe und Zweideutigkeit, die die linken Gegner eines "Supereuropa", wie die europäischen Eliten es gerade konstruieren, in gefõhrliche Nähe zu rechtem Nationalismus bringt.

Zusammen mit der Neuen Rechten gegen die Globalisierung?

Sie reden von Solidarität mit den Indianern und fordern kulturelle Vielfalt. Sie wollen sich von Kapitalismus und Globalisierung befreien. Und sie haben rechte und linke Klassiker gelesen. Die intellektuelle Elite der niederländischen Rechtsextremen haben sich mit dem Diskussionsmagazin Studie, Opbouw en Strijd (Forschung, Aufbau und Kampf / SOS) zusammengetan. Sie nennen sich selbst die Neue Rechte, wie ihre Gesinnungsgenossen in Frankreich und Belgien. Aber wie neu sind ihre Ideen in Wirklichkeit? - Es folgt eine Analyse zweier Artikel der einschlägigen Ideologen Ruter und Veldman aus der Sommerausgabe von "SOS", Jahrgang 1998.

Während nun die traditionellen rechtsextremen Parteien in Holland in einem Zerfallsprozess begriffen sind, diskutiert man in SOS über den Aufbau einer neuen Rechten. Der rechtsextreme think tank Voorpost und die Nederlandse Studenten Vereniging (NLSV; eine nationalistische Studentenorganisation) sind an dieser Diskussion ebenfalls beteiligt.

Die Neue Rechte konzentriert sich vor allem auf die Schwachpunkte der "linksliberalen Ideologie", wie sie sie nennen. Sie versuchen mit allen möglichen linken Bewegungen anzubandeln und forschen nach Möglichkeiten, den Grundideen dieser Bewegungen eine rechtsextreme Note zu verleihen. Mit Vergnügen zitieren Ruter und Veldman oft zweifelhafte Äusserungen "linksliberaler" Koryphäen und nehmen sie dann in die Ruhmeshalle ihrer neurechten, nationalistischen Ideologie auf. Auf diese Weise benutzen sie Tom Lemaire, Hans Koning, Albert Stol, Umberto Eco und Stella Braam, um ihre eigene rechtsgerichtete Ideologie zu untermauern.

Ruter und Veldman präsentieren ihr politisches Erneuerungsprojekt sehr gewandt und legen damit herausfordernd und kühn das alte Rassistenimage ab. Im Wesentlichen stützen sie sich jedoch auf die alte Blut-und-Boden-Ideologie.

Eine "Kulturrevolution"

Der neurechte Meinungsführer Ruter ist ein Fan von Gramscis Ideen, der jahrelang in Mussolinis Knästen lebendig begraben war. Gramsci zufolge können Revolutionen nur Erfolg haben, wenn die Kultur eines Landes sich ebenfalls fundamental verändert, wenn die "kulturelle Hegemonie" der Elite gebrochen wird. Daher ist zunächst eine Kulturrevolution vonnöten, und das ist genau, was Ruter will. Er will den momentan vorherrschenden "linksliberalen Konsens" unterlaufen. Ruter zufolge wird uns dieser Konsens vom "Grosskapital" aufgezwungen und vom Staat orchestriert. Ruter aber möchte seinen neurechten Nationalismus zur Grundlage der Gesellschaftsorganisation und unserer Weltanschauung machen.

Ruter fordert ein Ende der "Mondialisation" und sympathisiert mit dem Kampf gegen das Multilateral Agreement on Investments (MAI). Er rät seiner Leserschaft, sich mit der linken Kampagne gegen das MAI vertraut zu machen. Die nationalistischen Studenten jedenfalls mochten diese Kampagne so sehr, dass sie auf ihrer Homepage einen Link zu der Kampagnenhomepage legten.

Ruter zitiert Marx, indem er sagt, dass der Wille zur "Mondialisierung" dem Kapital innewohnt. Und der globale Kapitalismus verkauft auch Kultur. Das Kapital "kolonisiert die Phantasie", was zu einer globalen "Uniformierung der Lebensstile" und einer "Entwurzelung kollektiver Identitäten und traditioneller Kulturen" führe. Deswegen möchte Ruter die Macht des "Grosskapitals" zügeln und fordert eine "partizipative" oder "direkte Demokratie", genau wie die Anti-MAI-Aktivisten das tun.

Ruter und Veldman stört besonders der Gedanke des Fortschritts, den sie für ein hegemoniales Ideologem des kapitalistischen Systems halten. Veldman: "Heutzutage besteht der grundsätzliche Unterschied nicht mehr zwischen links und rechts. Heute unterscheiden sich nur noch jene, die als Propheten des ungebremsten ökonomischen Wachstums und Fortschritts auftreten und für die die Menschen nur Konsumenten und die Erde nur ein Objekt sind, von den anderen, die, wie Rueter sagt, den gesamten Kosmos mit Tier, Pflanze und Materie teilen, und die der nächsten Generation eine integre Welt hinterlassen wollen." Veldman spricht von Solidarität mit "Völkern, die um ihre eigene kulturelle Identität kämpfen und all jenen, die Widerstand gegen die Zerstörung der Natur und die grenzenlose Macht multinationaler Konzerne und die internationale Wegwerfgesellschaft leisten."

Indianischer Nationalismus

Die nordamerikanischen Indianer stehen auf der Liste von Veldmans Lieblingsvölkern ganz oben. In seinem langen Artikel "Indianischer Nationalismus, das Kriegsbeil ist noch nicht begraben!", beschreibt er die Zerstörung der "kulturellen Identität" der amerikanischen "Ureinwohner". Diese Zerstörung ist seiner Meinung nach durch die "massive Einwanderung von Menschen" hervorgerufen worden, die "sich um die Kultur und die Religion der Ureinwohner nicht kümmern". Nach Feldman sind besonders das Christentum und der Fortschritt für das Unrecht verantwortlich, welches den Indianern angetan wurde. Er zitiert gern den bekannten indianischen Schriftsteller Vine Deloria jr. der sagt, dass er keinen Kontakt mit dem Christentum, dem Kapitalismus oder linker Solidarität aufrecht erhalten will. Veldman zufolge bezeichnet Deloria das alles als reinen Import. "Die meisten Indianer sind Nationalisten, was besagt, dass sie zuallererst an die Entwicklung und Stabilität des Stammes denken", wird Deloria zitiert.

Die Linke nachahmend, unterstützt Veldman den indianischen Aktivisten Leonard Peltier, der jetzt seit 24 Jahren im Gefängnis sitzt. Und Veldman wirbt auch für das Magazin Nanai-Rundbrief, das von der niederländischen Solidaritätsbewegung mit den Indianern herausgegeben wird. In dieser Weise möchten Veldman und die Neue Rechte von der Sympathie profitieren, die dieser Bewegung entgegengebracht wird.

"Es ist unlogisch, dass die Identitätspolitik beinahe ausgerotteter oder gefährdeter Minderheiten und "ungefährlicher" Mini-Ethnien beklatscht werden, während dieselben Werte sofort Misstrauen hervorrufen, wenn sie den kraftvollen Nationalismus eines etwas grösseren Volks unterstützen", meint Veldman, und übersieht dabei geflissentlich die Geschichtsbücher, die voll von Beispielen dafür sind, wie solche "Minderheiten" von "etwas grösseren Völkern" ausgerottet wurden, die solch einen "kraftvollen Nationalismus" propagierten.

"Spiritueller Völkermord"

Veldman möchte uns seinen "kraftvollen Nationalismus" auch verkaufen, indem er die Ideen von Trudell anführt, des einflussreichsten indianischen Führers der siebziger Jahre. Trudell hasste das Christentum und betrachtete es als "spirituellen Völkermord", als Gehirnwäsche nicht nur für die Indianer sondern auch für die Weissen selbst. Alles begann laut Trudell, im europäischen Mittelalter, sogar noch bevor die christliche Religion nach Amerika exportiert wurde. Zu dieser Zeit wurde laut Trudell die ursprüngliche europäische Identität vernichtet. Wenn also Veldman sagt, "der indianische Kampf ist unser Kampf", fühlt er sich wie eine Art niederländischer Indianer. Er denkt, dass die Niederländer, genau wie die Indianer ihre eigene Identität wiederentdecken und "zuallererst Nationalisten werden müssen."

Die langjährige linke Aktivistin Stella Bram ist berühmt für ihre unermüdliche Aktivität in der niederländisch- indianischen Solidaritätsbewegung. In ihrem Buch "Stimmen der Erde" schrieb sie: "Das Land ist die Grundlage unserer Existenz. In ihm wurzelt ihre Kultur und es beheimatet die heiligen Plätze ihrer Ahnen." Dieses Zitat machte den neurechten Veldman natürlich sehr glücklich. "Angesichts der Tatsache, dass so viele wohlmeinende Leute die Kulturen und Weltanschauungen von Ureinwohnern schätzen, ist es merkwürdig, dass Europäer, die den Fortschritt ebenfalls verachten und ihre kulturelle Identität wiederentdecken wollen, mit soviel Misstrauen und Widerstand von Leuten zu kämpfen haben, die angeblich ihre Werte teilen."

Die Diskussionen in der Neuen Rechten kreisen ohnehin gern um vorchristliche Traditionen und Religionen. Forscher wie Koenraad Logghe untersuchen mittelalterliche Texte nach Spuren einer vermuteten ursprünglich weissen europäischen Identität. Logghe berichtet über seine "Forschungen" manchmal in SOS und die Sommerausgabe [1998, Anm. M.H.] enthielt eine sehr positive Rezension zu seinem Buch "Der heilige Gral: zwischen heidnischem und christlichem Erbe". Ein niederländischer Verleger wurde unlängst von De Fabel van de illegaal davon überzeugt, dieses Buch nicht herauszugeben. Indem sie sich auf diese Art von "Forschung" stützt, versucht die Neue Rechte auch Brücken zu dem schnell wachsenden Teil der Esoterikszene zu schlagen, der sich mit "alten nordischen Traditionen" befasst und eine potentiell Wählerschaft für die Neue Rechte darstellt.

Feudale ideologien

Wie neu ist die Neue Rechte aber wirklich? Auf den ersten Blick scheint der grobe altmodische Rassismus verchwunden zu sein. Veldman verkündet sogar Solidarität mit Ureinwohnern, solange sie dort bleiben, wo sie sind. Er sagt sogar, er verabscheue die "blinde Solidarität mit den Weissen weltweit", wiederum scheinbar eine Distanzierung von der extremen Rechten. Der Inhalt bleibt jedoch letztendlich der gleiche. Die Neue Rechte sehnt sich noch immer nach einer mythischen, vorzivilisatorischen Vergangenheit, in der jeder wusste, wo er "natürlicherweise" hingehörte. Sie träumen von einer goldenen feudalen Epoche, in der "Völker" noch "ethnisch rein" waren.

Nach Ruter ist der moderne Mensch "entwurzelt" und von seinem "natürlichen Ursprung" abgeschnitten: der "organischen Gemeinschaft". "Wo immer Menschen leben, sind sie mit einem Stück Land verbunden - Erde, die sie als die ihre betrachten, und für deren Unabhängigkeit und Integrität sie jederzeit zu kämpfen bereit sind." Ruter glaubt auch an "ein Recht und eine Pflicht zur Selbstverteidigung der natürlichen Gesellschaften, denen jeder Mensch angehört, beginnend mit der Familie. Dadurch manifestiert sich der Wille, ethnische und kulturelle Vielfalt zu bewahren gegen Uniformisierung und monolithischen Strukturen". Auf diese Weise entlarvt sich der neurechte Nationalismus Ruters selbst als der alte, krude, biologistische Rassismus: "Als soziale Wesen haben Menschen den natürlichen, instinktiven Wunsch sich mit anderen zu identifizieren, die gleich aussehen."

Die wachsende Popularität neurechter Ideen bestätigt die Verwundbarkeit einer linken Ideologie, die täglich an Substanz verliert. Es ist eine Schande, dass die Neue Rechte Zitate von Linken nicht einmal manipulieren muss, um sie für ihre eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Die Abwesenheit einer klaren und bestaendigen linken Ideologie gibt der Neuen Rechten die Möglichkeit, eine neue Generation potentieller Aktivisten anzuziehen. Deshalb sollten Linke sehr klar argumentieren, wenn sie sich z.B. gegen die Globalisierung aussprechen, und sie sollten deutlich machen, was sie wollen, wenn sie "kulturelle Vielfalt" meinen. Hoffentlich nicht jenes neurechte Ideal einer statischen Gesellschaft, die von der Vergangenheit und einer starren Vorstellung "natürlicher Gesetze" geprägt ist. Andernfalls unterstützen sie eine Tendenz, die demjenigen den grössten Einfluss in politischen und kulturellen Angelegenheiten zuschreibt, dessen Vorfahren am längsten in einem bestimmten Gebiet gelebt haben.

Linke sollten sich für eine Gesellschaft engagieren, die sich ändern kann, und in der alle, auch die Neuankömmlinge, gleichberechtigt sind. Die Linke sollte autonome, internationalistisch geprägte Organisationen aufbauen, so wie Gramsci sie wirklich wollte. Linke sollten nicht gegen die Globalisierung der Solidarität oder den globalen Austausch von Kulturen und Ideen protestieren, und ganz gewiss nicht gegen den Fortschritt. Der wahre Kampf geht um die Richtung, die dieser Fortschritt nimmt, und, was noch wichtiger ist, darum, wer diese Richtung bestimmen wird.

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